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Gesichter der Fakultät und zentraler Einrichtungen der LUH

Dr. Isabel Sievers
Arbeitsstelle DIVERSITÄT-MIGRATION-BILDUNG (vormals Interpäd-Interdisziplinärer Arbeits- und Forschungsschwerpunkt Interkulturelle Pädagogik)

  • Was sind Dimensionen von gesellschaftlicher Vielfalt in Ihrem Forschungs- und Arbeitsbereich?

Der interdisziplinäre Arbeits- und Forschungsschwerpunkt Interpäd befasst sich bereits seit 25 Jahren mit den Folgen von Globalisierung und Migration für Bildungsprozesse in Deutschland und weltweit. Seit ihrer Gründung hat sich die inhaltliche Ausrichtung der Arbeitsgruppe stetig weiterentwickelt, immer in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen und somit auch im Hinblick auf Dimensionen gesellschaftlicher Vielfalt.

Nachdem sich die wissenschaftlichen Auseinandersetzung innerhalb der Arbeitsgruppe lange Zeit auf inter- und transkulturelle Ansätze und Konzepte (Interkulturelle Pädagogik, interkulturelle Kompetenz, transkulturelles Lernen etc.) konzentrierte und damit auf Herausforderungen reagiert wurde, die sich angesichts der Migrations- und Einwanderungsprozesse seit Ende der 1960er Jahre stellten, rücken in den letzten Jahren verstärkt neue Aspekte ins Blickfeld der Arbeitsgruppe, die über das Inter- und Transkulturelle hinaus gehen.

Aufgrund der Gefahr der Überbetonung der Differenzkategorie 'Kultur' findet inzwischen eine verstärkte Auseinandersetzung mit weiteren Differenzkategorien wie der Sozialschicht, Sprache, Religion, Geschlecht, Alter etc. in der Schnittstelle von Migration und Bildung statt.

Der Arbeits- und Forschungsschwerpunkt stellt heute das gesamtgesellschaftliche Phänomen einer zunehmenden heterogener werdenden Gesellschaft und die sich daraus ergebenen Konsequenzen für Bildungsprozesse in den Mittelpunkt seiner Arbeit (Lehre, Forschung und Beratung). 

 

  • Welche konzeptionellen und methodischen Ansätze halten Sie für besonders vielversprechend im Hinblick auf Ihre Forschungsthemen?

Die Mitglieder des Arbeits- und Forschungsschwerpunktes nähern sich dem Thema gesellschaftliche Vielfalt in der Schnittstelle von Interkultureller Pädagogik, Bildungswissenschaften, soziologischen Analysen, Erwachsenenbildung sowie einzelnen Fachdidaktiken mit der Relationisierung von kultureller Differenz, Diversität und Bildung, um sie neu beschreibbar zu machen. In ihrer interdisziplinären Ausrichtung bedienen sie sich verschiedener Ansätze und Konzepte, die bei der Dekonstruktion und Erweiterung von Differenzlinien hilfreich sind:

Hierunter zählen Anätze einer Pädagogik der Vielfalt, der Inklusionsansatz, Intersektionalitätsanalysen sowie Ansätze des Diversity Managements. Aber auch Konzepte wie das Bürgerbewusstsein sowie veränderte Migrationsphänomene (z.B. die Transmigration) bieten die Möglichkeit sich von starren Vorstellungen des Zusammenleben in einer Gesellschaft zu lösen und sich auf andere, weitere Formen von Lebensweisen einzulassen.

Entscheidend für unseren Arbeitsbereich ist es hierbei verschiedene Differenzkategorie kontextspezifisch in ihrer Wechselseitigkeit zu betrachten und auf Bildungsprozess zurück zu beziehen. Eine Diversitätsauslegung, vor allem wenn diese bildungswissenschaftlich rückgebunden ist, muss dabei ethischen Prämissen folgen, Diversität als Ausdruck milieuspezifischer Habitusformungen verstehen, welche sich aus unterschiedlichen Quellen speisen und im Zuge von Sozialisation, Kulturation angeeignet sind, sich lebensgeschichtlich weiter ausformen und in den Partizipationsformen des lebenslangen Lernens einen Ausdruck finden.

 

  • Welchen Mehrwert sehen Sie in Diversity-Ansätzen?

Mecheril verweist zu Recht darauf, dass der Diversity-Ansatz nicht die Zuschreibung von Differenzen über Identitäten aufhebt und Diskriminierungen nicht abschafft, dass er aber in den Organisationen (wie der Schule und der Universität) Praxen schafft, die Realitäten neu formen. Es geht darum, sich auf neue wirkmächtige Deutungsmuster über Differenz einzulassen, denn der Diversitätsansatz verspricht positive und anerkennende Attribuierungen gegenüber Differenzen.

Der "Mehrwert" des Ansatzes besteht aus unserer Sicht also darin, dass er "Auslegungen von Differenz aufnimmt und Anerkennung als grundlegende ethisch rückgebundene Haltung einbindet" (Robak/Sievers 2011, o.S.). Unser Verständnis von Vielfalt ergibt sich dabei aus der Analyse der Konstruktions- und Dekonstruktionsprozesse von Differenzlinien wie Kultur, Sprache, Religion, Sozialschicht oder der sozialen beziehungsweise kulturellen Herstellung von Geschlecht in ihrer Schnittstelle zur Bildung. Unser Ziel ist hierbei die Initiierung reflexiver Lern- und Veränderungsprozesse sowie die Anerkennung und optimale Nutzung von Diversität, die Ausschöpfung der jeweiligen Potenziale unter Berücksichtigung von Machtaspekten.

 

Literatur:

Mecheril, P. (2011): DOSSIER Managing Diversity - Alle Chancen genutzt? Diversity. Die Macht des Einbezugs: www.migration-boell.de/web/diversity/48_1012.asp.

Robak, S./ Sievers, I. (im Druck): Zum Zusammenhang von Diversität, Anerkennung und Lernkulturen in der Arbeitswelt, In: Borcher, D.(Hrsg.): Interkulturalität in der Arbeitswelt. Über interkulturelles Projektmanagement Unternehmenskultur verändern.