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Wissenschaftliche Begleitung des Bildungshauses Emmerthal – Eine Verzahnung von Kindertagesstätte und Grundschule

Die Arbeitsstelle diversitAS hat Ende 2010 die wissenschaftliche  Begleitung des Bildungshauses Emmerthal (Vielfalt unter einem Dach) übernommen (die Leitung der wissr Begleitung liegt bei Frau Dr. Isabel Sievers)

Wissenschaftliche Leitung: Dr. Isabel Sievers

Publikation im Verlag Brandes & Apsel


Bildungshäuser stehen für ein Zusammenwachsen von Kindertagesstätte und Grundschule. Dadurch soll den Kindern der Übergang von der einen in die andere Institution erleichtert werden. Außerdem kann durch jahrgangsübergreifende Lernangebote besser auf das einzelne Kind mit seinen individuellen Stärken und Schwächen eingegangen werden. Am Beispiel des Bildungshauses Emmerthal (Niedersachsen) für Kinder von 0-10 Jahren werden positive Effekte, Chancen, aber auch Herausforderungen dieses neuen Konzepts untersucht. Der Band bringt Transparenz in die alltägliche pädagogische Arbeit und bietet praxistaugliche Empfehlungen zur stärkeren Verzahnung der beiden Einrichtungen.

 

Was steckt hinter dem Konzept Bildungshaus Emmerthal?

Dieses in Niedersachsen in der Form bisher einmalige Konzept bedeutet ein Zusammenwachsen und Verzahnen von zwei Institutionen, die traditionell voneinander getrennt arbeiten, bestehen und jeweils eigen Logiken folgen: Die Kindertagestätte auf der einen Seite und die Grundschule als Teil des Bildungssystems auf der anderen Seite.

Im Zentrum der Verzahnung steht die Überlegung, dass Kindern die Möglichkeit gegeben werden soll, die Übergänge von der einen in die andere Einrichtung leichter zu bewältigen, Brüche in den Bildungsbiographien zu vermeiden und so bereits früh einen positiven Bezug zum Lernen zu entwickeln. So wird es auch von Seiten der frühkindlichen Forschung schon seit einigen Jahren gefordert, um das Interesse der Kinder an der Welt wach zu halten und ihre forschende Neugier zu fördern. Zuletzt betonte auch der Ministerpräsident McAllister die Bedeutung des sog. „sanften Übergangs“ innerhalb von Bildungsprozessen (KiTa - Grundschule) und kündigte an, hierzu in Zukunft Projekte voranzutreiben und zu fördern.

In Emmerthal ist dies alles schon längst Alltag, denn im Rahmen des Bildungshauses sind Kinder der beteiligten Kindertagestätten in Projekten und Aktionen in der Grundschule involviert und andersherum. Kinder unterschiedlichen Alters verbringen Spiel- und Lernzeiten in institutionsübergreifenden Gruppen. Dabei geht es nicht nur um punktuelle Projekte, sondern um eine regelmäßige und selbstverständliche Form der Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen. Erzieher/innen und Lehrkräfte tauschen sich regelmäßig aus, planen und organisieren dabei Spiel- und Lernprojekte gemeinsam und führen sie im Team durch.

Die Kinder lernen so bereits früh die Gewohnheiten, Regeln, Inhalte aber insbesondere auch Bezugspersonen in der Schule kennen. Gleichzeitig haben Schulkinder die Möglichkeit, in die Rolle der „Wissenden“ zu schlüpfen und jüngeren Kindern Unterrichtsinhalte zu erklären. Sie verfestigen Gelerntes, stärken ihre Sozialkompetenz, dürfen aber auch einfach mal wieder Kind sein und finden in der ihnen vertrauten Atmosphäre der Kindertagestätte emotionale Sicherheit. Das in diesem Sommer fertig gestellte Verbindungselement zwischen Kindertagesstätte und Grundschule erleichtert hierbei am Standort Kirchohsen die alltägliche Organisation des jahrgangsübergreifenden Lernens, Austauschen und Spielens für alle Beteiligten. Die externen KiTa-Standorte aus dem Einzugsgebiet der Grundschule zeigen jedoch eindrucksvoll, dass die räumliche Verbindung keine alleinige Bedingung für aktives Mitgestalten und Mitleben des Bildungshauses ist.

Insgesamt entspricht das Projekt Bildungshaus Emmerthal aktuellen Erkenntnissen zur frühkindlichen Bildung und dem was in wissenschaftlichen Kreisen schon länger gefordert wird. Schon jetzt zeigen sich erste positive Effekte, Chancen, Potenziale aber auch Herausforderungen des Konzeptes, die nun von Seiten der wissenschaftlichen Begleitung durch die Leibniz Universität Hannover analysiert und dokumentiert werden.

Bildungshaus Emmerthal – die wissenschaftliche Begleitung

 Frau Dr. Isabel Sievers von der Arbeitsstelle DIVERSITÄT – MIGRATION – BILDUNG der Leibniz Universität Hannover hat die Leitung der wissenschaftliche Begleitung des Modellprojektes Bildungshaus Emmerthal am Standort Kirchohsen übernommen, dem ersten von zwei weiteren geplanten Bildungshäusern in der Gemeinde Emmerthal. Die Arbeitsstelle befasst sich bereits seit Jahren mit den Auswirkungen von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen auf Bildung und Bildungsinstitutionen, sei es aufgrund von Globalisierung, Migration oder demographischem Wandel. Die zunehmende Vielfalt in der Gesellschaft und somit auch unter Lernenden sowie der Umgang damit in Bildungseinrichtungen stellen die Akteure immer wieder vor neue Herausforderungen – genau hier setzt das Bildungshaus Emmerthal an, in dem auf Grund neuer Erkenntnisse der frühkindlichen Bildung und auf Grund demographischer Wandelungsprozessen in ländlichen Regionen Bildung neu gedacht wird.

Doch welche Effekte bringt das mit sich? Was bedeutet das Konzept ganz konkret für die Beteiligten? Welche Veränderungen, Chancen und Herausforderungen ergeben sich für die Erzieherinnen, Lehrkräfte, aber insbesondere auch für Kinder und Eltern in ihrem Alltag?

Hier setzt die wissenschaftlich Begleitung an. Sie untersucht die Wirkungsmechanismen des neuen pädagogischen Alltags und die Veränderungen für Kinder, Eltern und Pädagog/innen. Ziel der Begleitung ist es dabei, über die Analyse eine positive Entwicklung voran zu treiben und gleichzeitig die Effekte und den Nutzen des Bildungshauskonzeptes im Prozess zu analysieren, zu dokumentieren und greifbar zu machen. Ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Begleitung liegt auch auf der regelmäßigen Rückspiegelung an die Fachkräfte in den Einrichtungen. Die Ergebnisse dienen der Transparenz und sollen bei dem Aufbau der weiteren Bildungshäuser in der Gemeinde aber auch landesweit von Nutzen sein. „Das Bildungshaus Emmerthal kann Vorbild für andere Einrichtungen und Gemeinden sein, denn die demographischen und gesellschaftlichen Herausforderungen finden sich vergleichbar an vielen Standorten“, sagt Dr. Isabel Sievers.

Die wissenschaftliche Begleitung ist zunächst auf drei Jahre angelegt und betrachtet verschiedene Ebenen: Das Kind, die Eltern, das pädagogische Fachpersonal (Erzieher/innen, Lehrkräfte, Sozialpädagog/innen etc.), aber auch die Rahmenbedingungen, die für ein gelingendes Zusammenwachsen und Verzahnen entscheidend sind. Die Begleitung widmet sich dem Projekt in verschiedene Erhebungsphasen, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Fragestellungen, so wurden bereits pädagogische Fachkräfte in Interviews befragt und derzeit laufen Gruppengespräche mit Kindern. 

Mittlerweile liegen erste Ergebnisse einer Voruntersuchung auf der Ebene des pädagogischen Personals vor. Aus den geführten Interviews mit Lehrkräften und Erzieher/innen wird deutlich, welche große Herausforderung es bedeutet, zwei getrennte Systeme wie Kindertagestätten und Grundschulen (mit eigenen Bildungsvorstellungen, Methoden, Kommunikationsstrukturen, Gewohnheiten und Rahmenbedingungen) mit einander zu verzahnen. Gleichzeitig zeigt die wissenschaftliche Begleitung deutlich, was die Beteiligten in der kurzen Zeit durch ihr hohes Engagement erreicht haben und wo erste positiven Ergebnisse des Konzeptes sichtbar werden.

Im Rahmen des Bildungshauskonzeptes kommen Fachkräfte aus Kindertagestätte und Grundschule vermehrt ins Gespräch (ob im Alltag, auf gemeinsamen Sitzungen oder Fortbildungen) und tauschen sich über ihren jeweiligen pädagogischen Alltag, ihr Bildungsverständnis und ihre Erfahrungen im Umgang mit den Kindern aus. Sie bauen gemeinsame Schnittstellen aus, planen Aktionen und Austauschveranstaltungen (z.B. im Rahmen des gemeinsamen Veranstaltungskalenders), führen diese in der Regel zusammen durch und reflektieren im Anschluss miteinander über die Entwicklung der Kinder. Dadurch haben einerseits die Pädagogen die Möglichkeit, ihr pädagogisches Handeln (unterschiedliche Methoden, Herangehensweisen) zu reflektieren. Die Kinder profitieren gleichzeitig davon, dass mehrere Personen ihre Entwicklungen begleiten und sie somit vielfältiger und optimaler gefördert werden können.

Besonders attraktiv ist das Projekt aus Sicht der wissenschaftlichen Begleitung, da es konkrete Antworten auf viele Fragen bietet, die derzeit in Wissenschaft, Politik aber auch Praxis diskutiert werden: Wie können Bildungssysteme mit den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen umgehen, so dass ein positiver Nutzen daraus entsteht? Heute noch stärker als zuvor müssen sich Lern- und Bildungsprozesse an den Individuen orientieren und Lernsituationen möglichst individuell gestaltet werden. Aber wie kann dieser vielfach geforderte Ansatz individualisierten Lernens in der Praxis ganz konkret umgesetzt werden? Beim ausschließlich klassen- und gruppenbezogenen Arbeiten ist ein Teil der Kinder über- und ein anderer Teil unterfordert und nur für einen kleinen Teil der Kinder ist das Niveau der Herausforderung angemessen. Durch die Verzahnung im Rahmen des Bildungshauses können Kinder als Individuen mit ihrer persönlichen Lernbiographie von klein auf betrachtet und begleitet werden. Das Bildungshaus Emmerthal zeigt gleichzeitig, dass es die Kinder sind, die im Zentrum stehen und dass sich die Bildung und Bildungsinstitutionen am Kind orientieren müssen und nicht andersherum. Hierdurch ergeben sich für jedes einzelne Kind enorme Entwicklungsmöglichkeiten, je nach Interesse und Neigung.

Die große Herausforderung der nächsten Wochen wird es sein, den Kindern, Eltern und der Öffentlichkeit die Ziele, Inhalte und Chancen des Konzeptes nahe zu bringen (über Infobroschüren, ausführliche Dokumentationen etc.) und die weitere Entwicklung gemeinsamer Konzepte zum alltäglichen Leben und Lernen im Bildungshaus gemeinsam voranzutreiben.

Die Beteiligten stehen diesen Herausforderung sehr offen und mit großer Neugier gegenüber. Darin liegt das große Potenzial dieses innovativen Konzepts, das vielfältige Chancen für die beteiligten Familien und die Gemeinde Emmerthal bietet.